In vielen Organisationen gilt Erfahrung als etwas, das bewahrt werden muss.
Als Ressource, die sensibel behandelt, geschont oder „wertgeschätzt“ werden sollte.

Diese Sicht ist gut gemeint.
Und strukturell problematisch.

Denn Erfahrung entfaltet ihre Wirkung nicht durch Schutz,
sondern durch Einbindung in Steuerung und Entscheidung.

Schutz ist keine Funktion

Wenn Organisationen von „Schutz“ sprechen,
meinen sie häufig Rücksicht:

  • geringere Belastung
  • reduzierte Verantwortung
  • symbolische Anerkennung

Was dabei übersehen wird:
Schutz erzeugt Abkopplung.

Erfahrung wird aus dem operativen und strategischen Entscheidungsraum herausgenommen
und in Rollen verschoben, die kaum noch steuernd wirken.

Das Resultat ist ein paradoxer Zustand:
Erfahrene Mitarbeitende sind präsent,
aber nicht wirksam.

Erfahrung ist kein Kulturgut

Erfahrung wird oft kulturell interpretiert.
Als Teil der Identität, der Geschichte oder der Werte einer Organisation.

Aus Governance-Perspektive greift das zu kurz.

Erfahrung ist kein kulturelles Beiwerk.
Sie ist ein funktionales Steuerungselement.

Sie zeigt sich dort, wo:

  • Risiken früh erkannt werden
  • Entscheidungen eingeordnet werden
  • Nebenfolgen antizipiert werden
  • Dynamiken bewertet werden können

Wird Erfahrung aus diesen Räumen entfernt,
verliert die Organisation Orientierung.

Warum Schutzlogiken entstehen

Schutzlogiken entstehen selten aus Strategie.
Sie entstehen aus Unsicherheit.

Organisationen wissen oft nicht,

  • wie sie Erfahrung strukturell nutzen sollen
  • wo sie sie verorten können
  • welche Rolle sie ihr im Entscheidungsgefüge geben

Der einfachste Weg ist dann:
Erfahrung „wertzuschätzen“,
ohne sie einzubinden.

Das ist konfliktarm.
Und wirkungslos.

Einbindung bedeutet Verantwortung

Einbindung heißt nicht Schonung.
Einbindung heißt Verantwortung.

Erfahrene Mitarbeitende wirken dort,
wo Entscheidungen vorbereitet, geprüft oder getragen werden.

Das setzt voraus:

  • klare Rollen
  • definierte Entscheidungsräume
  • explizite Erwartung an Beitrag und Wirkung

Ohne diese Einbindung wird Erfahrung zur Beobachterrolle.
Und Beobachter steuern nicht.

Die Kosten der Abkopplung

Wenn Erfahrung nicht eingebunden ist,
entstehen typische Folgeeffekte:

  • Entscheidungen werden formal korrekt, aber inhaltlich dünn
  • Risiken werden spät erkannt
  • Prozesse nehmen zu, um fehlende Orientierung zu kompensieren
  • Verantwortung diffundiert

Diese Effekte sind nicht sichtbar im Tagesgeschäft.
Sie zeigen sich verzögert –
in Restrukturierungen, Eskalationen und Vertrauensverlust.

Einbindung ist kein HR-Thema

Die strukturelle Einbindung von Erfahrung
ist keine Maßnahme der Personalentwicklung.

Sie ist eine Entscheidung über Steuerungsarchitektur.

Organisationen, die Erfahrung nur schützen,
verzichten auf einen ihrer wirksamsten Steuerungsfaktoren.

Nicht aus Mangel an Respekt.
Sondern aus Mangel an Struktur.

Erfahrung wirkt nur im System

Erfahrung entfaltet ihre Wirkung nicht individuell.
Sie wirkt systemisch – oder gar nicht.

Wo sie eingebunden ist,
entsteht Orientierung.

Wo sie geschützt, aber nicht genutzt wird,
entsteht Leerlauf.

Organisationen, die langfristig steuerungsfähig bleiben wollen,
müssen Erfahrung nicht bewahren.

Sie müssen sie einordnen und einbinden.

Methode. Struktur. Perspektive.
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